Interview mit dem Solifon

Der Lockdown wird schrittweise gelockert, das Corona-Solifon bleibt weiter in Betrieb. Ruf an bei Gefährdung der Gesundheit am Arbeitsplatz, Stress mit dem Chef, Kündigung, Erwerbsausfall, Kurzarbeit oder anderen Problemen wegen der Coronakrise.
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Im Ajour Magazin ist ein Interview über das Solifon erschienen:

«Es führt nichts am Kampf in der proletarischen Realität vorbei»

Mit Beginn der Coronakrise sind in der ganzen Schweiz zahlreiche Initiativen zur gegenseitigen Unterstützung entstanden. Einige davon haben einen explizit politischen Charakter. Ein Zusammenschluss von Basisgruppen betreibt das Corona-Solifon und hilft Menschen, die Probleme an ihrem Arbeitsplatz haben. Im Interview sprachen wir mit Li von der Solifon-Crew darüber, wie’s läuft und was die politischen Absichten dahinter sind.

Hier geht’s zum Artikel im Ajour Magazin.

Ajour: Was ist das Solifon?

Li: Beim Corona-Solifon können sich alle melden, die Probleme mit ihren Chefs oder Vermieter*innen haben. Das Anliegen muss nicht unbedingt mit der Corona-Pandemie zu tun haben.

Das Corona Solifon ist ein Zusammenschluss verschiedener Basisgruppen und Basisgewerkschaften. Das Gastra Kollektiv besteht aus FINT-Personen, die in der Gastronomie tätig sind. Sie vereint die Wut gegen den Sexismus und die Ausbeutung in der Gastronomie. Die FAU Bern und die IWW sind (anarcho-)syndikalistische Basisgewerkschaften. Das Solnet ist ein Solidaritätsnetzwerk, welches Lohnabhängige bei Problemen mit Chefs oder Vermieter*innen unterstützt und versucht gemeinsam mit ihnen Perspektiven des Widerstands zu entwickeln.

Warum macht ihr das?

Das Solifon ist nicht aus dem Nichts entstanden. Es ist der Ausdruck einer schon länger stattfindenden Entwicklung. Seit dem letzten Kampfzyklus nach der grossen Krise 2008 gab es verschiedene Versuche in der Deutschschweiz, vermehrt die konkreten Arbeitsverhältnisse zu verstehen und direkt darin zu agieren, statt sie nur zu kommentieren. Mit dem feministischen Streik vom 14. Juni 2019 haben sich diese Versuche noch verstärkt, so dass es mittlerweile ein ganzes Netz von Basisgruppen in Betrieben und Branchen gibt. Einige davon, wie z.B. sehr prominent die Trotzphase oder das Gastra Kollektiv, sind bereits an die Öffentlichkeit gegangen. Andere sind eher informelle Gruppen in den Betrieben. Das Solifon ist ein Ausdruck dieses wachsenden Interesses an Klassenauseinandersetzungen. Für die am Projekt beteiligten Gruppen ist es also eine konsequente Fortführung ihrer Aktivitäten unter den Bedingungen von Corona.

Mit welchen Problemen haben die Leute zu kämpfen, die euch anrufen? Konntet ihr die Anrufer*innen unterstützen?

Nachdem wir das Corona-Solifon eröffneten, gab es viele Anrufer*innen, die Fragen zur Kurzarbeit hatten. Es herrschte eine grosse Unsicherheit, die sich mit jeder Ausweitung der Kurzarbeitsentschädigung durch den Bundesrat verminderte. Momentan erhalten wir häufig Anrufe aus der Gastronomie. In dieser Branche arbeiten viele Arbeiter*innen auf Abruf. Das führt zu prekären Situationen, die oft ganze Belegschaften betreffen. Es geht um Kurzarbeit, Ferien oder gar Kündigungen. Wir versuchen die Arbeiter*innen in rechtlichen Belangen zu unterstützen. Manchmal lässt sich das Problem nicht auf einer rechtlichen Ebene lösen. Dann unterstützen wir die Arbeiter*innen darin, sich kollektiv zu organisieren und den nötigen Druck auf die Chefs auszuüben.

Nun wird der Lockdown langsam gelockert. Wie geht es weiter mit dem Solifon?

Das Solifon bleibt vorläufig trotz Lockerung des Lockdowns bestehen. Es ist anzunehmen, dass die Wirtschaftskrise nicht mit dem Ende des Lockdowns vorbei ist. Im Gegenteil denken wir, dass die Wirtschaftskrise dann erst richtig einschlagen und es sogar noch mehr Probleme von Arbeiter*innen und Auseinandersetzungen in Betrieben geben wird. Ausserdem gibt es diese Konflikte nicht erst seit Corona. Auch wissen wir alle nicht, wie sich die Situation weiterentwickelt. Die Massnahmen ändern sich stetig und könnten auch wieder verschärft werden. Zudem gibt es in vielen Branchen neue Auflagen die zum Teil für Unsicherheiten sorgen.

Viele Hilfswerke, Gewerkschaften und Beratungsstellen haben im Zuge der Coronakrise Hilfstelefone für Betroffene eingerichtet. Diese Stellen sind professionell, ihr seid Laien. Warum sollen Betroffene trotzdem besser das Corona-Solifon anrufen?

Ein Vorteil von unserem Zusammenschluss ist sicher, dass es Menschen aus unterschiedlichen Branchen sind. Dies und die Tatsache, dass wir über dreissig Leute sind, welche ihre Erfahrung einfliessen lassen, ermöglicht ein breites Wissen. Ausserdem sind auch Personen dabei, welche einen juristischen Hintergrund haben, wir sind also nicht «nur» Laien.

Auch ist uns die vertrauliche Handhabung der Daten ein grosses Anliegen. Wir nutzen keine Informationen ungefragt, um für unsere Zwecke zu «missionieren». Bei grossen Gewerkschaften funktioniert der Rechtsdienst wie eine Versicherung. Wer ein Problem hat, muss bereits seit drei Monaten Mitglied sein, ansonsten erhält sie oder er keine Unterstützung. Auch im weiteren Verlauf eines Falls machen Gewerkschaften immer wieder Abwägungen, ob sich der Aufwand für einen Fall tatsächlich lohnt. Man nennt das auch ökonomische Anwendung der Mittel. Das kann dann schonmal zur paradoxen Situation führen, dass ein Mitglied seinen Fall in Eigenregie vor das Arbeitsgericht zieht und gewinnt, obwohl der Rechtsdienst davon abriet. Da wir solche Mittelabwägungen nicht machen, haben wir gegenüber den offiziellen Gewerkschaften einen gewissen Vorteil.

Es gibt in der radikalen Linken die Kritik an solchen «Unterstützungsprojekten» wie eurem, dass sie die Arbeit des Staates oder von NGOs übernehmen und diese unbezahlt verrichten würden. Was entgegnet ihr dieser Kritik?

Wir kennen die Kritik, dass Projekte wie das Solifon in einer «Service-Falle» – also in der Rolle von reinen Dienstleistern – steckenblieben. Diese Gefahr besteht natürlich. Selbst dann wäre unser Projekt allerdings ein Erfolg, da es zu einer stärkeren Verankerung im Alltag der Proletarisierten führt. Es ist nicht verwunderlich, dass die radikalsten Kämpfe in der Schweiz anlässlich der Corona-Pandemie dort stattfanden, wo die (gewerkschaftliche) Linke seit Jahren Teil der sozialen Klassenbewegungen sind. In Genf gab es Streiks auf Baustellen, in Fabriken und in der Migros für bessere Hygienemassnahmen. Will die radikale Linke wieder ernsthaft in die Klassenkämpfe intervenieren, führt nichts an den Auseinandersetzungen in der proletarischen Realität mit Chefs und Vermieter*innen vorbei. Dass diese Konflikte nicht zwingend auf einer juristisch-individuellen Ebene steckenbleiben müssen, sondern durchaus das Potenzial auf eine kollektive Auseinandersetzung haben, sehen wir beim Corona-Solifon momentan jeden Tag.

Ihr seid Teil der Vernetzung Solidarität gegen Corona. Diese ruft dazu auf, solidarische Strukturen aufzubauen: «Bereiten wir uns auf die Angriffe vor, die im Zuge der ökonomischen Krise auf uns zukommen.» Wie kann das Solifon dazu beitragen, die kommenden sozialen Angriffe abzuwehren?

Mittels des Solifons versuchen wir die Leute zu unterstützen, für sich selbst einzustehen. Die Anrufer*innen wollen oder können ihre aktuelle Situation nicht einfach hinnehmen. Es ist uns ein Anliegen, den Menschen dabei zu helfen, sich zu vernetzen. Dies kann geschehen, indem wir Leute dazu ermutigen in ihrem Betrieb die Situation mit den anderen Mitarbeitenden anzugehen. Oder auch je nach Interesse mit uns näher in Kontakt zu treten. Durch diese Vernetzung wird nicht nur die Chance auf erfolgreichen Widerstand verstärkt, sondern auch den einzelnen Menschen Mut gemacht. Die Erkenntnis, nicht allein zu sein, hilft, sich für die eigenen und die Probleme anderer einzusetzen und gibt somit Kraft für zukünftige Kämpfe. Gerade in der Gastronomie scheinen momentan viele Widersprüche aufzubrechen. Das Gastra Kollektiv versucht auf diese Konflikte und Angriffe politische Antworten zu geben.